Endlich gab die Wetterprognose mal Anlaß zu Hoffnung und der morgendliche Blick aus dem Fenster bestätigte, daß man sich wohl nicht irrte. Schönes Wetter, wunderbar! Damit war die Fellhornbesteigung beschlossene Sache. Ziel war ursprünglich mal das Nebelhorn gewesen, aber dessen Seilbahn ist derzeit wegen Instandsetzungsarbeiten außer Betrieb und runterlaufen wollte keiner von uns. Dafür nimmt man auch in Kauf, nur knapp 200 Höhenmeter weniger hochlaufen zu dürfen. Allerdings kams dann doch anders…
Erste Ernüchterung: Die letzte Talfahrt startet an der Gipfelstation bereits um 16Uhr! Richtig früh waren wir nicht dran und hatten somit sechs Stunden Zeit für den Aufstieg. Ein wenig versöhnte da gleich der Wegweiser hinter der Talstation, laut dem es drei Stunden bis zum Gipfel wären. So kämpften wir uns dann aufwärts durch den Wald. Schlammpfützen, Wurzelwirrwar und sogar ein weggebrochenes Wegstück konnten uns nicht aufhalten. Auch stimmte die Beschilderung nicht immer mit dem überein, was ich anhand der Papierkarte ermittelt hatte, aber wir erreichten dennoch nach zwei Stunden das erste Zwischenziel, das Kanzelwandhaus. Von dort starteten wir erst ein Stück in die falsche Richtung, bemerkten den Irrtum aber schnell. Der richtige Weg tarnte sich am Abzweig als Fahrweg zum Maschinenhaus. An der Bierwangenalpe zweifelte ich dann vollends an meiner Erinnerung an die Papierkarte. Denn die behauptete, jene morbide Scheune wäre eine bewirtschaftete Hütte. So folgten wir nicht dem Wegweiser zur Oberen Bierwangalpe, welche in der Tat nicht als Zwischenziel angedacht war, sondern zweigten Richtung Schlappoltsee und Gipfel ab. Laut Beschilderung. Laut Karte sollte dies ein unmarkierter Weg sein, die Abzweigung zum markierten Weg wäre erst später gewesen.
Am Schlappoltsee setze die Orientierung dann ganz aus. Statt zur Mittelstation der Seilbahn weiterzugehen und von dort nur noch ein kurzes letztes Stück zum Gipfel vor uns zu haben, zweigten wir zur angeblich gleich schnell erreichbaren Schlappoltalpe ab. Zumal ich meine, in jener Richtung auch den Gipfel ausgeschildert gesehen zu haben. Das war dann allerdings der Auslöser heftiger Strapazen. Die Alpe war noch leicht erreicht und die frische Rohmilch lecker. Dann gings aber steil aufwärts und grob in die falsche Richtung. Aber als Weg zum Gipfel ausgeschildert. Um es kurz zu machen: Es war der weit ausholende Umweg über den Söllerkopf, der dann auf der immer wieder ansteigenden und abfallenden Kammlinie entlang der Grenze über 2km weit zum Fellhorngipfel führte. Bereits am Anfang des Anstiegs machte sich meine ausbrechende Erkältung bemerkbar. Kurzatmig, schwitzend und fröstelnd schnaufte ich Annette hinterher. Sonst ist es kein Problem für mich, sie nach einer Foto- oder Navigationspause wieder einzuholen, hier hatte ich Mühe, überhaupt mitzuhalten. Ich war am Ende. Immer wieder hing ich über meinen Stöcken und schnaufte nur noch.
Aber es half alles nichts. Durch den Umweg und die Rast an der Alpe war unsere Reservezeit bis zur letzten Talfahrt gegen Null gesunken. Mehr mittels purer Willens- denn Körperkraft schleppte ich mich über den Schlappoltkopf. In dem vollen Bewusstsein, jeden hart erkämpften Höhenmeter auf der anderen Seite wieder runterlaufen zu müssen, nur um sie am Fellhorn wieder hinaufzumüssen. Und nochmal 70 Höhenmeter obendrauf. An den steilen Absätzen kurz vor diesem letzten Gipfel schoß mir dann allerhand durch den Kopf. Vor allem Szenen aus Dokumentationen über Everestbesteigungen. Ich dachte an Bergsteiger, die kurz vor dem Gipfel umdrehen mussten und deren Bergführer ihre liebe Not damit hatten, sie dazu zu bewegen. Ich fragte mich, ob ich einen Gipfelkoller bekommen würde und für den Umweg über den Gipfel riskieren würde, die letzte Bahn zu verpassen statt auf dem Weg am Gipfel vorbei direkt durchzulaufen.
Dann wurde aber alles gut. Der Gipfel lag nur wenige Meter neben dem Weg und die Seilbahnstation war gut erkennbar und sehr nah. Gegen viertel nach drei machten wir unsere Gipfelfotos und waren keine 10 Minuten später an der Bahn.
Knifflig noch, daß es dort keinen Fahrkartenschalter gab. Der kurze Abschnitt zur “Mittel”station wird da auch nicht kontrolliert. Karten gäbe es dort, man muß ja eh umsteigen. Nur war der dortige Schalter nicht besetzt. Aber das klärte sich auch, der Gondoliere bemannte kurz den Schalter für ein weiteres Pärchen und uns und wir konnten uns von der vorletzten Gondel bequem nach unten bringen lassen.
Völlig fertig bin ich noch immer. Auf dem Rückweg sind wir über Sonthofen gefahren, um im dortigen dm Salbeipastillen, Zinktabletten und ähnliches zur Erkältungsbekämpfung zu bunkern.
