Juni 2010
M D M D F S S
« Mai   Jul »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
282930  

Archive

Kategorien

Ferratisti

Der Plural ist übertrieben. Ich hatte mir ja “sicherheitshalber” passende Ausrüstung zugelegt. Aber sie anzulegen wäre mir vorgekommen wie so ein Typ, der in Rennlederkombi, Hochsicherheitsstiefeln und hochpreisigem Replikahelm hintendrauf auf dem Motorrad sein Mädel in Badelatschen, Shorts und Braincap mitnimmt.Annette hatte das heutige Ziel ausgewählt. Wir waren spät dran und bummelten erst noch durch den Ort. Annette brauchte noch einen Schutz für ihre verbrannte Nase. Den improvisierte ich dann selbst in der Unterkunft nachdem wir die Schwiegereltern nicht wie vereinbart wiedergetroffen hatten. Nach kurzer Vesper schnappten wir uns dann die Autoschlüssel und fuhren hoch zum Grödnerjoch. Eine “leichte Einsteigertour”1 sollte von dort auf den Gipfel der Gran Cier führen. Lediglich zwei drahtseilgesicherte Passagen wären zu bewältigen.

Zuerst bewältigten wir jedoch navigatorische Probleme: Die Wegfindung schien so einfach, daß ich nur die Karte nutzte. Pech nur, daß der von uns genutzte Zufahrtsweg nicht der einzige auf der Karte verzeichnete war und irgendwo endete. Aber es war nur ein kleiner Umweg über die Bergstation der Dantercepies-Seilbahn2 zum Einstieg Richtung Gran Cier. Im übrigen liefen wir so heute bei strahlendem Sonnenschein ein kurzes Stück genau den Weg, den wir damals bei unser ersten gemeinsamen Wanderung im September 2005 gegangen waren.

Der Aufstieg durch die Schuttfläche war dann gleich recht happig. Doch war der Teil schon steil, so fragte zumindest ich mich angesichts der senkrecht erscheinenden Wand vor und, wie dann da eine Wanderung hochführen soll. Denn von wegen durch eine Scharte und dann moderat auf der Rückseite hoch: Die Cierspitzen sind auf jeder Seite steil und auch die Karte wies aus, daß es frontal aufwärts geht. Und neben dem Weg war auch ein Symbol “Klettersteig”3 eingezeichnet. Oberhalb des Schuttfeldes konnten wir dann auch einige Leute ausmachen. Ich meinte Helme erkennen zu können und Karabiner aufblitzen zu sehen und schlug vor, daß wir umdrehen, sollten die Entgegenkommenden wirklich Klettersteigausrüstung tragen. Trugen sie. Doch Annette wollte weiter. Lieber bei einer unüberwindlichen Schwierigkeit umdrehen und halt weiter zurücklaufen müssen als gleich klein beigeben.

Dann kam die erste Drahtseilpassage. Wie zuvor von mir eingefordert verstauten wir hier endgültig unsere Stöcke an den Rucksäcken. Und ein entgegenkommendes älteres Paar ermutigte wie auch beim Sassongher 2005 zum Weitergehen. Nach diesem kurzen Stück wurde es auch wieder deutlich einfacher. Hier kam uns noch ein kleiner Familienclan entgegen, mit denen wir reichlich scherzten. Es solle nur noch eine knifflige Passage geben, an der es beidseits4 abwärts ginge. Außerdem hätte der Würstchenstand gerade geschlossen, aber die Bedienung wäre eh verbesserungsfähig gewesen. Ja klar. ;-) Immerhin trugen sie keine Klettersteigausrüstung bei sich. Man kommt also auch so hoch.

Obere Drahtseilpassage am Gran Cier

Obere Drahtseilpassage am Gran Cier

Auch die zweite Drahtseilpassage meisterten wir problemlos. Kurz vor dem Gipfel kam dann jedoch dieser schmale Grat. Annette zog es vor, an der relativ ebenen Fläche davor Pause zu machen und den Gipfel Gipfel sein zu lassen. Ich finde so eine Enscheidung immer sehr respektabel. Besser als Selbsüberschätzung oder Selbsttäuschung, weil man nach dem langen Weg dann doch auch noch das kleine Stück schaffen will, das man aber nicht schaffen kann.

Ich jedoch wollte es versuchen. Zumal ich den Rucksack bei Annette lassen konnte. Da ich keine Befestigungsmöglichkeit für Kamera5 und GPS hatte, legte ich hierfür den Klettergurt an. Und nach wenigen Metern merkete ich, daß es gar nicht direkt den Grat hochgeht, sondern relativ bequem auf der Seite vom Grödnerjoch. Außer recht einfachem Weg gab es noch zwei kleine Klettereinlagen. Eine davon in einer Art Kamin, der V-förmig aus der Wand ausgeschnitten war. Gute Tritte und die Möglichkeit, sich zwischen die Wände zu pressen machten die 3m einfach.

Gipfel des Gran Cier

Gipfel des Gran Cier

Und schon war der Gipfel erreicht. Panoramavideo, Selbstportrait vor Gipfelkreuz und sonstige Bilder waren schnell geschossen. Annette wartete ja.

Wieder unten bei ihr machte ich auch eine kurze Pause und verstaute das Klettersteigset schon mal griffbereit. Runter ging recht flott, auch wenn Annette immer wieder mal mit ihren am Rucksack festgeschnallten Stöcken hängenblieb, wenn sie mal wieder mit dem Hintern über einen Felsabsatz rutschte statt so runterzuklettern, wie sie hochgekommen war: Mit der Nase zum Fels. Bei der oberen Drahtseilpassage packte mich dann der Ehrgeiz. Ich schlaufte die Karabiner in den Klettergurt und klinkte mich ein. Und in der Tat schaffte ich es problemlos, ohne mich am Seil festzuhalten runterzuklettern. Auch wenn Annette, die sich einfach am Seil runterhangelte, fast schneller war. Auch die zweite Passage war zu schaffen, auch wenn da ds Seil mir ein Mal den Weg zu einem Griff versperrte und deshalb selbst gepackt wurde.

In Anbetracht der beiden Bergsteiger, die ich auf dem Gipfel vom Danter les Pizes her hatte rüberkommen sehen, wünschte ich mir noch, den Helm nicht im Rucksack gelassen, sondern aufgesetzt zu haben. Traten die doch bei ihrem flotten Abstieg einige Steine los. Aber erstens war da die Sache mit der Braincap-Sozia gewesen und zweitens waren die eh schnell unter uns.

Nach der unteren Drahtseilpassage war eh alles trivial.

Eckdaten:

  • 12:55Uhr Start am Grödnerjoch
  • 15:10Uhr Gipfel (2,9km)
  • 16:50Uhr Ankunft Grödnerjoch (5,1km gesamt, wir gingen beim Abstieg den direkteren Weg)

Laut eTrex waren wir 452m auf- und wieder abgestiegen. Gipfelhöhe betrug 2592m. Zudem kann ich mir zumindest den Abstieg als ersten bewältigten Klettersteig6 verbuchen.

  1. So beschreibt es eine Beilage der Zeitschrift Outdoor, an die Annette sich hielt []
  2. die erst in wenigen Tagen wieder fährt und uns sonst einige Umstände abgenommen hätte []
  3. nicht “gesicherter Steig, dafür gibt es ein eigenes Symbol []
  4. rechts zum Grödnerjoch, links ins Langental []
  5. Annettes, meine hätte ich nicht befestigt bekommen []
  6. wenn auch einen sehr sehr einfachen []

2 comments to Ferratisti

  • Zwar verdammt hart an der Spam-Grenze liegt die obige werbegepolsterte Seite, aber der dort tatsächlich vorhandene Testbericht passt zum Thema und der Admin drückt mal die Augen zu!

  • 8 Gletschergurte und Hochtourengurte im Test…

    Anziehen, einbinden und los? Gletscher- und Hochtourengurte leisten mehr als das. Die Besten unter den tragbaren Lebensversicherern……

Leave a Reply

 

 

 

You can use these HTML tags

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>