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Hindelanger Klettersteig

Das heute sollte der Höhepunkt unserer Tour werden. War es auch in vielerlei Hinsicht. Neue Horizonte, Grenzen, alles hat sich aufgezeigt.

Glücklicherweise hattn wir in unserem Hotel nach Bahntickets gefragt. Denn es gibt dort welche zum „Ausleihen“ für 10€ am Tag. Gültig beliebig oft für alle Bahnen. Nicht schlecht, kostet doch die Hin- und Rückfahrt zum Nebelhorngipfel regulär schlanke 28,50€. So dackelten wir dann zu Fuß zur Talstation, nachdem wir überpünktlich um 07:30Uhr das Frühstücksbuffet eröffnet hatten. Punkt 08:30Uhr fuhr die erste Bahn, nicht annähernd so überfüllt, wie im Kletterführer gewarnt wird. Kein Wunder, waren doch auch alle umliegenden Gipfel bis geschätzt 1600m runter weiß. Wir waren ein wenig unsicher und dachten schon über Alternativen nach, als wir eine Gruppe, die wohl auf dem Edmund-Probst-Haus genächtigt hatte, am Steig zu erkennen war.

Noch mal Pullern in der Bergstation, Geraffel anlegen, gegenseitiger Check und ab zur ersten Herausvorderung: Die Treppe runter zum Weg. T litt doch noch sehr unter ihrem Muskelkater von vorgestern. Der Einstieg war schnell erreicht, da konnte uns auch ein wenig Schnee auf dem Weg nicht mehr bremsen.

Doch der Hindelanger Klettersteig zeigt sehr schnell, daß er trotz gleichem Schwierigkeitsgrad im Kletterführer ein ganz anderes Kaliber ist: Wenig Stahlseil, praktisch keine künstlichen Tritte oder Griffe1, sondern dafür gleich einige Leitern. Eine davon machte mich kurz nachdenklich und brachte bei T erste Abbruchsgedanken auf. Ihr oberes Ende ist so weit vom Fels weg, daß man zwei Schritte über eine Stützstreb machen muß. Zwar gesichert, aber wir fanden diese Strebe vereist vor und entsprechend rutschig. Wenig später standen wir auch schon auf dem Westlichen Wengenkopf. Wow, doch, auch wenn der Gipfel selbst auf einem normalen Pfad erreicht wird, so fühlt sich das doch besonders an. Quasi der erste bestiegene Gipfel, der zumindest im unteren Teil redlich erklettert werden musste. Na gut, am Ben Arthur musste ich zum eigentlichen Gipfel auch etwas kraxeln und die Cirspitze war auch nicht trivial. Aber Schnee und Eis bildeten wahrhaftig Sahnehäubchen und Zuckerguß für dieses Erfolgserlebnis. Den Steig komplett zu schaffen hatten wir zu der Zeit dann auch aufgegeben. Denn das Gefühl, einfach mal auf einem Felsen stehenzubleiben und die fantastische Aussicht zu genießen, diesen Blick auf die weißen Gipfel ringsum und diese Stille auf einem Steig, der im Sommer wohl brutal überlaufen sein soll, das war in dem Moment unbezahlbar. Pfeif auf die komplette Runde!

Kurz nach dem Abstieg hinter dem Gipfel passierten wir den ersten Notabstieg. Netterweise ist dort auch angeschrieben, wie lange man bis zum nächsten Notabstieg und zurück zur Bergbahnstation braucht. Wir lagen nicht wirklich gut in der Zeit, um den kompletten Steig zu gehen, aber eine Sektion war noch locker drin. Bei einer kurzen Pause hinter dieser Abzweigung sorgten noch zwei Mädels für etwas kopfschüttelnde Erheiterung: Sie tauchten quasi zwischen uns und einer folgenden Zweiergruppe über den Notabstieg auf mit ihren Wanderstöcken und fragten, wo denn der Wanderweg weiterginge. Wir mussten ihnen dann mitteilen, daß sie über den Notabstieg einen Klettersteig erreicht haben. Sackgasse quasi, denn die beiden anderen Richtungen wären für sie keine Option.

Ich war grade ein wenig vorgeklettert und ein Türmchen weiter als T, als sie von Turm zu Turm die Umkehrfrage stellte. Oder besser fragte, ob es für mich ok wäre, wenn sie kehrt mache, ich dürfe ruhig weitergehen, wenn ich wollte. Der Muskelkater beeinträchtigte doch ihre Kontrolle über ihre Beine und das ist in so ausgesetztem und vereistem Gelände keine gute Sache. Und sie brachte das so überzeugend rüber, daß ich kein schlechtes Gewissen hatte, sie alleine absteigen zu lassen. Auch einen anderen psycholigischen Effekt hatte die Trennung: Die ersten einsamen Schritte waren überraschend unsicher. Doch bald schon erfreute ich mich daran, wie gut ich doch vorankam. Bis zu meiner persönlichen Schlüsselstelle.

Die kam als Doppelschlag. Zuerst musste gesichert der Kamm überquert werden. Doch der Fels hat dort so weni Griffe und Tritte, daß man sogar hier sich mal befleißigte, auf jeder Seite je einen künstlichen Tritt anzubringen. Daß dieser ein lächerlich schmaler Streifen Eisen ist, half psychologisch jedoch wenig. Und direkt dahinter endet das Seil. Aushängen und noch die letzten zwei Schritte bis zum Gehweg rüber sollte dann nach offizieller Sicht kein Problem sein. War es aber für mich, denn was immer die außer Sicht ins Nichts steil abfallende Felsplatte an Tritten hätte bieten können, war mit einer dicken Eisschicht überzogen. Ich stellte mir die Sinnfrage des Ganzen, dokumentierte die Situation meines Scheiterns noch mit einem kleinen kommentierten Filmchen und wurstelte mich mit Hilfe der beiden schmalen Eisenstreifen wieder über den Kamm.

Oben sah die Welt dann doch wieder anders aus. Der nächste Notabstieg war zum Greifen nah, zurückklettern und den vorhergehenden Abstieg nehmen dauert sicher länger. Auch sah ich die schräge Platte, die bei der Umkehr unsichtbar hinter mir war und an der ich mich zur Not bis zum Fußweg entlanghangeln könnte. Also erneute Planänderung: Wenn ich es schaffen würde, ohne große Probleme wieder bis zur Umkehrstelle abzusteigen und die Oberkante der Platte zu fassen bekäme, dann würde ich es wagen. Aber ich sage euch: Sich über dieser vereisten Platte aus dem Sicherungsseil auszuklinken ist ein mentaler Kraftakt! Und plötzlich war dann doch alles ganz einfach!

Mit dieser Einstellung, ohne groß nachzudenken einfach das zu tun, was die Situation erforderten, kletterte ich zügig und gut gesichert bis zum nächsten Notabstieg. Dieser Abschnitt machte auch wieder richtig Spaß. Die Entscheidung zum Abbruch fiel mir dann auch leicht. Der nächste Abschnitt ist deutlich länger als die bisherigen und auch wenn ein Teil des Steiges auf der mir abgewandten Sonnenseite verläuft, so drängte mich der Blick auf die verschneite und vereiste Nordflanke quasi zur Umkehr.

Der Notabstieg macht seinem Namen alle Ehre. In kleinen Serpentinen geht es steil einen Schuttkegel hinunter in eine Senke. Der Weg am anderen Ende ieder hoch zum Wanderweg jedoch ist unmarkiert und schwer zu erkennen. Das konnte mich aber nach meinen Norwegenerfahrungen nicht schocken und ich schlug mich einfach so durch, wie ich es für am Besten hielt. Den Wanderweg flitzte ich dann nur so entlang, überholte etliche Rentner, Flachlandtiroler2 und auch T, die oberhalb des Weges Päuschen machte und telefonierte.

Als wir beide an der Bergbahnstation angekommen waren, fuhren wir noch mal hoch zum Gipfel. Doch aus der Nähe verloren der und sein Kreuz schnell ihren Reiz, waren sie doch von besagten Flachlandtirolern umlagert. Nach einem sehnsüchtigen Blick hinüber zum einsamen Kreuz auf dem Westlichen Wengenkopf, an dem wir vor wenigen Stunden noch gestanden hatten, fuhren wir wieder talwärts. Zurück im Ort durchstöberten wir erst die zahlreichen Outdoorläden und bauten uns ein frühes Abendessen ein. Die Alte Sennstube sei hiermit ausdrücklich empfohlen.

Mit einem Eis in der Hand liefen wir dann zurück ins Hotel. Der Rest ist Packen und Telefonieren. Morgen gehts wieder nach Hause nach einem kleinen Abstecher über den Salewa-Klettersteig.


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  1. Eisenbügel und Stifte []
  2. Ruhrpottslang und Berlinerisch sind hier derzeit die am häufigsten zu hörenden Sprachen []

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